Zur Eintragung des Namens Lucifer / Luzifer als Vorname durch deutsche Standesämter

‚Lucifer ist kein zugelassener Vorname in Deutschland. Das hat Gericht in Kassel entschieden.‘

Den Unsinn las ich kürzlich. Genau auf diese Weise kommt es, dass Leute den Medien nicht vertrauen:

  • die Sache mit dem Lucifer, der dann Lucian genannt wurde, hat das Gericht in Kassel nicht entschieden. Es wurde kein Urteil gefällt. Die Eltern haben sich einfach von einer Alternative überzeugen lassen, sodass es nicht zu einer Verhandlung kam,
  • verbotene Vornamen gibt es nicht allzu viele, wenn überhaupt. Selbst Kain und Judas gibt es als Namen. Das Ganze hängt in aller Regel von der Willkür der Standesbeamten ab,
  • natürlich gibt es auch Luzifers und Lucifers in Deutschland, die wurden von verschiedensten Standesämtern eingetragen. Seit ein paar Tagen gibt es auch einen Lucifer mehr. Verboten ist da also nichts. Nicht zuletzt, weil die ganze Sache mit der Teufelsassoziation Schwachsinn ist. Wie sagte der Arzt dazu doch: Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, der weiß doch, dass das nichts mit dem Teufel zu tun hat.

Wie kam es trotzdem zur Assoziation mit dem Teufel? Dazu muss man sich die Geschichte ansehen und auch die Herkunft des Namens.

  • Lucifer kommt aus dem Lateinischen, meint Lichtträger / Morgenstern / Venus. In dieser Form symbolisiert es die damalige Mythologie.
  • Lucifer in diesem Zusammenhang beschreibt auch Jesus (siehe Neues Testament oder auch das Exsultet). Es gibt sogar einen katholischen Heiligen, der Lucifer heißt.
  • Die Sache mit dem Teufel kam dann im Mittelalter auf. Spannend ist hier auch eine mehr oder weniger falsche Bibelübersetzung der King-James-Bibel, wo das kleingeschriebene lucifer plötzlich als Name Lucifer großgeschrieben wurde.
  • Die alten Übersetzer/Ausleger der Bibel (Origenes, Tertullian, Augustinus von Hippo) haben lucifer diesbezüglich auch noch klein geschrieben und unabhängig von  der Kleinschreibung, rein von der Interpretation her, nicht mit dem Teufel identifiziert. Selbst Martin Luther hat noch von einem groben Fehler gesprochen, den Teufel hier mit dem Wort Lucifer in Verbindung zu bringen.
  • Es handelt sich demnach um das Reinlesen und Reininterpretieren von etwas in einen Text, das es so gar nicht gibt. Hier ist insbesondere Isaiah 14:12-17 zu benennen.

Das soweit zum Lucifer und zum Hintergrund. Nun ist es richtig, dass die Standesbeamten leider nach dem eigenen Befinden Namen ablehnen können. Das ist so ähnlich wie mit der Asylsache bei Migranten: Stehst du an der Grenze und sagst Asyl, kommst du rein. Sagt der Standesbeamte was vom Kindeswohl, bist du raus. Völlig egal, ob da etwas Wahres dran ist.

Das heißt letztlich:

  • Man ist gut beraten, sich im Vorfeld seiner Namenswahl ein Gutachten zu holen, wobei hier die Namensberatung der Universität Leipzig zu empfehlen ist (denn die sehen Lucifer/Luzifer nicht so kritisch wie die Gesellschaft für deutsche Sprache, die den Namen (noch) nicht empfiehlt).
  • Ansonsten bleibt nur auf Knatsch aus zu sein und vor Gericht zu ziehen. Präzedenzfälle sind zu begrüßen.

Wäre es vor diesem Hintergrund  zu einer Verhandlung gekommen, schätze ich mal so freimütig, dass das Gericht den Namen nicht verboten hätte. Da hätte sich der Staat weit aus dem Fenster lehnen und die Eltern als Satanisten brandmarken müssen, um wirklich eine Zuordnung zum Bösen herzustellen und dem Kindeswohl zu schaden.

Lucifer/Luzifer ist also nicht der ursprüngliche Name des Bösen und er ist nicht verboten, sondern wird mit gewisser Regelmäßigkeit auch als Name von Standesämtern eingetragen. Man muss nur hoffen, dass der Standesbeamte einen guten Tag hat und kein unwissender Mensch ist.

Für noch mehr Details kann man mich aber gern privat anschreiben.

Quellen dabei sind übrigens:

Albani, M. (2004): The Downfall of Helel, the Son of Dawn, in: Auffarth, C. & Stuckenbruck, L. T. (Eds.): The Fall of the Angels, S. 62.
Bamberger, B. J. (2006): Fallen Angels: Soldiers of Satans Realm, S. 148f.
Berlin, A. (2011): The Oxford Dictionary of the Jewish Religion, S. 651.
Calvin, J. (2007): Commentary on Isaiah, I: 404.
Dembski, W. A. (2009): The End of Christianity, S. 219.
Fekkes, J. (1994): Isaiah and Prophetic Traditions in the Book of Revelation, S. 187.
Frick, K. R. H. (2006): Satan und die Satanisten I-III, Teil I, S. 193 u. 216.
Kelly, J. F. (2002): The Problem of Evil in the Western TRadition, S. 44.
Jeffrey, D. L. (1992): A Dictionary of Biblical Tradition in English Literature, S. 199.
Link, L (1995): The Devil, A Mask without a Face, S. 24.
Ridderbos, J. (1985): The Bible Student’s Commentary: Isaiah, S. 142.
Theißen, G. (2009): Erleben und Verhalten der Christen, S. 251.

LG

Über Reefa Frostwind

Weltraumpirat. Hauptberuflich.
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4 Antworten zu Zur Eintragung des Namens Lucifer / Luzifer als Vorname durch deutsche Standesämter

  1. Klaas schreibt:

    Ja, wie soll denn in den Schriften der Kirchenväter zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden werden, wenn es noch gar keine Groß- und Kleinschreibung gibt? Die entsteht erst im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Buchdrucks ab dem späten 15 Jahrhundert. Die Antiqua-Schriften entstehen durch Kombination der Karolingischen Minuskel (Kleinbuchstaben) mit der römischen Capitalis Quadrata (Großbuchstaben). Vorher wurde sozusagen alles klein geschrieben.

    „Isaiah“ schreibt sich auf deutsch übrigens Jesaja.

    Natürlich hat Luzifer zumindest heute einen bösartigen, satanistischen Kontext. Als gläubiger Christ bin ich dafür, diesen Namen absolut zu verbieten. Wie haben und schon genug mit Satan und seinen Dienern herumzuschlagen.

  2. Reefa schreibt:

    Die Großschreibung (die wohl schon im 13./14. Jh. aufkam, wenn man Wikipedia glauben mag (für weitere Recherche bin ich gerade zu faul, dort steht ja auch eine Quelle (Schneider, M., Geschichte der deutschen Orthographie), die zumindest eine funktionierende PDF hat)) spiegelt das Verständnis gegenüber den Begriffen aber gut wieder:

    Früher hat man es eben nicht als Eigenname verstanden – und auch heute sind sich wohl viele der Exegeten einig, dass es kein Eigenname ist / niemals einer war. Es handelt sich demnach um eine pseudepigraphische Sache, die da aufkam. Man kann es halt interpretieren, wie man will – jedem das Seine.

    Erinnert mich daran, dass manche auch beim Erlkönig eine Vergewaltigung reininterpretieren oder Goethe’s Werther als feministisches Werk lesen. Ach, das Studium damals. Herzallerliebst.

    Indes bin ich als gläubiger Agnostiker dafür, dass man Religionen verbietet. Von denen und deren Ansprüchen, intern wie gegenüber anderen, kommt ein nicht zu unterschätzender Teil des Leidens der Welt.

    LG.

  3. Klaas schreibt:

    Tja, die gute alte Studienzeit – wem sagst Du das? Du bist Germanist? 🙂 Ich bin Historiker.

    Also gut, mit dem 13./14. Jahrhundert magst Du recht haben. Aber das ist auch noch schlappe tausend Jahre nach den von Dir erwähnten Kirchenvätern. Und die Standardisierung der Rechtschreibungen ist noch mal ein paar Jahrhunderte jünger. In Frankreich beginnt (!) sie mit der Gründung der Académie française unter Richelieu im 17. Jahrhundert, in Deutschland viel später. Noch die Brüder Grimm schreiben in ihrem Wörterbuch alles klein! Das Argument „Groß- vs. Kleinschreibung“ in Deinem Sinne zieht meines Erachtens einfach nicht.

    Für wenig überzeugend halte ich auch die Formulierung „gläubiger Agnostiker“. Agnostizismus impliziert doch gerade eine gewisse religiöse Indifferenz, ein Desinteresse. Das verträgt sich schlecht mit Glauben oder mit der Forderung nach Verboten von Religion(en) Und nach flüchtiger Durchsicht Deines Blogs: Man wundert sich schon, daß sich ausgerechnet ein fantasy-affiner Mensch als Agnostiker oder Atheist definiert. (Ich erlebe das nicht zum erstenmal.) Man hat – ich möchte Dir hier nicht zu nahetreten – den Eindruck, daß da gleichsam ein Ersatz gesucht wird.

    Karten auf den Tisch: Ich glaube als Christ an das persönliche Wirken Satans in der Welt. Heute manifestiert durch das, was man so gemeinhin Globalisierung nennt. Und in dem Kampf dagegen sind alle ernstzunehmenden Formen von Religiosität (katholisches und orthodoxes Christentum, germanisches und keltisches Neuheidentum, hinduistische Derivate, Islam, Shintoismus, Konfuzianismus…) letztlich Verbündete. Keine Angst, es ist mir schon klar, daß das auch nicht konsequent ist…

    Zurück zum Ausgangsthema. So schön die reine, sozusagen philologische Bedeutung des Namens Luzifer ist (wie oft habe ich nach durchzechter Nach in Ehrfurcht und Rührung zum Morgenstern aufgeschaut): Der Name ist heute einfach satanisch oder satanistisch besetzt.

    LG retour und ein fröhliches Eala Earendel

  4. Reefa schreibt:

    Und nach flüchtiger Durchsicht Deines Blogs: Man wundert sich schon, daß sich ausgerechnet ein fantasy-affiner Mensch als Agnostiker oder Atheist definiert. (Ich erlebe das nicht zum erstenmal.) Man hat – ich möchte Dir hier nicht zu nahetreten – den Eindruck, daß da gleichsam ein Ersatz gesucht wird.

    Kann man schon machen, so eine Psychoanalyse am Abend. Vom Ausblenden anderer Argumente oder der Sache mit der Gläubigkeit (immerhin ist es aufgefallen, dann kann jetzt darüber nachgedacht werden, warum ich das eigentlich so geschrieben habe) will ich jetzt gar nicht anfangen, das wird ohnehin zu nichts führen.

    Korrekt und aufrichtig wäre daher, wenn du einfach sagst: „Ich finde, der Name ist heute einfach satanisch besetzt“, was etwas Anderes ist, als für die Allgemeinheit zu sprechen. Jedem seine eigene Welt.

    LG

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